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Kultur als Kitt der Gesellschaft, Teil 1

23. Mai 2023

1.Teil des Interviews mit SÖS-Stadträtin Guntrun Müller-Enßlin

SÖS: Guntrun, Du bist seit 2014 für SÖS Mitglied im Stuttgarter Gemeinderat und kulturpolitische Sprecherin unserer FrAKTION. Du vertrittst uns im Ausschuss Kultur und Medien. Was hat Dich bewogen, in diesen Ausschuss zu gehen und welche Erfahrungen machst Du da?

Guntrun Müller-Enßlin: Literatur, Bildende Kunst und Musik haben in meinem Leben eine Rolle gespielt, seit ich denken kann. Für mich halten Kunst und Kultur eine Gesellschaft zusammen. Jemand hat sie „den Kitt der Gesellschaft“ genannt, eine sehr zutreffende Bezeichnung. Kunst und Kultur sind die Grundlage für das friedliche Nebeneinanderbestehen von unterschiedlichen religiösen, ethischen oder ethnischen Lebensentwürfen, das Fundament für eine demokratische Vielfalt in der Gesellschaft. Nehmen wir das Beispiel Musik, die Sprachbarrieren überwindet und Begegnungen von Menschen aus den unterschiedlichsten Bevölkerungsschichten ermöglicht. 

Jede Begegnung ist bereichernd

Die kulturelle Landschaft in Stuttgart ist unglaublich mannigfaltig und verfügt über die vielgestaltigsten Facetten und Ausprägungen. Große und kleine Theater unterschiedlichster Genres gehören ebenso dazu wie das Künstlerhaus, das Trickfilmfestival ebenso wie das Literaturhaus, die Philharmoniker ebenso wie der Jazzclub Kiste, das Kulturkabinett ebenso wie die Stuttgarter Comic-Tage und das Festival „Umsonst und draußen“. Obwohl ich schon so lange kulturpolitische Sprecherin bin, lerne ich immer noch neue Kunst- und Kulturinitiativen kennen. Jede Begegnung mit Kulturschaffenden ist auch persönlich bereichernd für mich, mein Einsatz für sie zum Beispiel im Zusammenhang mit den Doppelhaushaltsberatungen eine Selbstverständlichkeit. 

SÖS: Du engagierst dich als Mitglied des Gemeinderates in den Beiräten Kinder‐ und Jugendkultur (JES), des Vereins Altes Schauspielhaus und Komödie im Marquardt, im FITZ! Zentrum für Figurentheater, der Freien Kunstschule Stuttgart und im Beirat Theater Die Rampe. Welche Aufgaben haben die Beiräte und wie siehst Du Dich dort?

Einblick in Sorgen und Nöte

Guntrun Müller-Enßlin: Als Beirätin bekomme ich nicht nur Einblick in die  Programmgestaltung und die wirtschaftliche Situation der Institutionen anhand der Jahresabschlüsse und Wirtschaftspläne, sondern auch in die Sorgen und Nöte ihrer Belegschaft. Die Corona-Pandemie war für fast alle Kulturbereiche, insbesondere aber für die Theater eine Herausforderung, die durch ständigen Austausch der Einrichtungen mit dem Kulturamt und der Politik im Großen und Ganzen recht gut bewältigt werden konnte.

Premiere von Glorious in der Komödie im Marquard (Foto: Guntrun Müller-Enßlin)

SÖS: Stuttgart kann Kultur. So steht es auf der Homepage unserer Stadt. Stimmst Du dieser Aussage uneingeschränkt zu?

Guntrun Müller-Enßlin:Es läuft sehr vieles gut. Im Kulturamt stößt man mit Vorschlägen meist auf offene Ohren, zum Beispiel mit unserer Initiative, in Stuttgart Open Pianos zu installieren. Die Fraktionen des Gemeinderats ziehen, was Kulturförderung angeht, eher gemeinsam am gleichen Strang, als das in anderen politischen Aufgabenfeldern der Fall ist, wo die Meinungen teils weit auseinandergehen. Auf diese Weise wird im Kulturbereich auch sehr vieles erreicht. Manchmal fehlt es allerdings an der nötigen Transparenz, und man hat den Eindruck, dass bestimmte Entscheidungen im Hinterzimmer ausgehandelt werden. 

Zweierlei Maß

So etwa bei der jüngsten Entwicklung in Sachen Theaterhaus: Der seit Jahren geplante Erweiterungsbau wurde kürzlich zu einem bloßen Ergänzungsbau geschrumpft, was zur Folge hat, dass die für die Freie Tanz- und Theaterszene ehemals geplanten Probe-, und Aufführungsräumlichkeiten nicht realisiert werden. Die FTTS, die nun auf dem Trockenen sitzt, erfuhr von den geänderten Plänen aus den Medien, ebenso wie die Sachkundigen im Kulturausschuss und Teile der Politik. Sowas ist natürlich ein Unding.

SÖS: Stuttgart beheimatet Kulturstätten wie das Ballett, die Oper und Schauspiel „auf Weltniveau.“ Auch die Mischung aus Tradition und Moderne sowie eine „lebhafte Freie Szene“ mache Stuttgart zu einer „vielfältigen Kulturmetropole“, so lautet das Eigenlob der Stadt zur Kultur in Stuttgart. Erfährt die „Freie Szene“ von den Seiten der Stadt die gleiche Wertschätzung wie Ballett und die Oper? 

Guntrun Müller-Enßlin: Siehe oben. Nein, ich habe den Eindruck, dass hier durchaus mit zweierlei Maß gemessen wird. Den Stuttgarter „Flaggschiffen“ Oper und Ballett, aber auch Institutionen wie Gautier Dance (der unbestritten eine tolle Arbeit macht, die ich sehr schätze!) wird hohe Bedeutung zugemessen und große Beachtung geschenkt, während die Freie Tanz- und Theaterszene sehr häufig gucken muss, wo sie bleibt- und zwar im wörtlichen Sinn, denn an Produktions-, Proben- und Spielstätten fehlt es ihr an allen Ecken und Enden.

Tariflöhne anheben!

 Auch in Sachen Finanzierung gibt es zwischen den „Flaggschiffen“ und den kleinen Einrichtungen gewaltige Unterschiede.  Während die „Kleinen“ fast durchweg strukturell unterfinanziert sind, hat man den Eindruck, dass für die „Großen“ nichts teuer genug sein kann und sie es, flapsig ausgedrückt, vorne und hinten reingeschoben bekommen. Ich bin sehr gespannt, ob wir bei SÖS in den kommenden Haushaltsberatungen mit dem Thema Dynamisierung vorankommen, das für die Theater eine kontinuierliche Anhebung der Zuwendungen für Personalkosten und steigende Tariflöhne vorsieht.

SÖS: In der nächsten Woche erfahren wir im 2. Teil des Interviews mit SÖS-Stadträtin Guntrun Müller-Ensslin, warum Stuttgart besser als Wanne-Eickel ist und wie es in der unendlichen Geschichte um die vom Abriss bedrohte Villa des Künstlers Otto Wilhelm Hajek weitergeht.

Das Interview führte Paul Russmann (SÖS-Newsletter-Redaktion)


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