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Von brutaler Zukunft, kriminalisierten Warner:innen und einer Allianz der Arschlöcher

1. August 2023

Die KONTEXT-Wochenzeitung vom 19.07.2023  behandelt die Zukunft Stuttgarts: „Das wird brutal“ schreibt sie: „Der Klimawandel ist längst kein Zukunftsszenario mehr: Stuttgart hat das Zwei-Grad-Ziel schon verfehlt. Statt eines Plans gegen die Hitze kann die Stadtverwaltung nur eine Infobroschüre vorweisen, die empfiehlt, an heißen Tagen genug zu trinken“. (1) KONTEXT beschreibt ungeschminkt und bedrückend, was auf die Stuttgarter zukommen wird: eine Stadt in der Gluthitze, zunehmend unbewohnbar.

Sogar die Stuttgarter Zeitung appelliert mit drastischen Worten: „Mit die größte Aufgabe wird der Umbau der Städte sein. Denn sie werden im wahrsten Sinne des Wortes die Hotspots der Hitzewellen sein, weil der Beton die Viertel zu Glutöfen machen kann. Grünräume, Gewässer, Trinkwasserspender, Beschattung, Kaltluftschneisen – wir wissen, was zu tun ist,“ (2) – und, möchte man hinzufügen – die Stadt Stuttgart tut fast nichts von alledem.

Das Gleisfeld – größte Lunge Stuttgarts – soll für das Rosensteinviertel geopfert werden

Hitzestau im Kessel

Auch die Stadt Stuttgart kennt diese Szenarien. Der ehemalige Stadtklimatologe Prof. Baumüller forderte schon vor Jahren, dass die Stadt mit einem Umbau verhindern muss, dass sie eintreten. Bereits vor über 10 Jahren verabschiedete der Gemeinderat ein von den Klimatologen ausgearbeitetes „Klimaanpassungskonzept“ mit zahlreichen Maßnahmen zur Abmilderung der Stadterwärmung und zum Gesundheitsschutz. Doch statt die Hausaufgaben zu machen, pflastert die Stadt Stuttgart weiter an einem Hitzekessel:

  • Kaltluftschneisen dürfen trotz Protestes städtischer Klima-Fachleute zugebaut werden. So das Allianz-Areal in Vaihingen, wo ein grüner Umweltbürgermeister mit Rückendeckung des fast gesamten Gemeinderats der Allianz einen hohen Millionen-Immobilienprofit auf Kosten des Klimas verschafft. Oder mit der Bebauung am Vogelsang und vor allem mit dem Rosensteinviertel. Baumüller warnt in KONTEXT, dass die Windstille durch die Bebauung der Gleise für Stuttgart 21 zu einem weiteren Hitzeschub führen wird. Eine Vorahnung haben wir in diesem und den letzten Jahren schon erlebt.
  • Dazu kommen zahlreiche Großprojekte wie Abriss und Neubau der Schleyer-Halle, mit denen so viel CO2 freigesetzt wird, dass die beschlossene Klimaneutralität ad absurdum geführt wird. Als ob man bis 2035 weiter dem bisherigen Wachstumswahn frönen könnte, um dann ab da CO2 – neutral zu sein.
  • Die Vorfahrt fürs Auto bestimmt das Denken der Gemeinderatsmehrheit. Die Stuttgart-RAF, die Radikale Auto Fraktion, bremst mit vorgeschobenen Sachzwängen Initiativen und Beschlüsse zur autofreien Innenstadt wie Stuttgart Lauf´d nei aus und verteidigt jeden Parkplatz. 
  • Noch immer kein ausgebautes Radwegenetz, seit Jahrzehnten eine Hängepartie.
  • Statt Solarausbau schraubt Stuttgart das Solarziel um 75 Prozent nach unten.

So führen Oberbürgermeister Frank Nopper und sein Bau- und Umweltbürgermeister Peter Pätzold unsere Stadt in eine „brutale“ Zukunft. Vorfahrt für das Auto und die Immobilienbranche, auf diese Weise wird der tödliche Pfad zum Hitzekollaps, auf dem wir uns befinden, weiter zementiert. Heute schon tötet die Hitze. Mindestens 25.000 Menschen sind in den letzten fünf Jahren in Deutschland hitzebedingt gestorben, hunderttausende weltweit, millionenfach sterben Arten aus.

Wie der grüne Umweltbürgermeister Frischluftschneisen freihält – Allianz Bau in Vaihingen

„Gegen die Letzte Generation formiert sich eine Allianz der Arschlöcher“ (TAZ, 28.7.23)

Um diese tatsächlich tödliche Politik durchzusetzen, geht OB Nopper gegen verzweifelt warnende Stimmen vor und versucht die Letzte Generation zu kriminalisieren. Die TAZ kommentiert diese Politik:

„Fundament dieser bürgerlichen Enthemmung (Unterstützung körperlicher Angriffe auf Umweltaktivist:innen), die sich als Rückendeckung für Selbstjustiz lesen lässt, bilden übrigens auch Aussagen liberaler Politiker:innen wie Verkehrsminister Wissing, dem (…) nichts besseres einfiel, als der Letzten Generation vorzuwerfen, die „Gesellschaft zu spalten“ und sie als „kriminell“ zu bezeichnen. Tatsächlich offenbaren die Aktionen der Letzten Generation eine gesellschaftliche Spaltung: zwischen jenen, die die physikalische Realität der Klimakrise mit ihren drastischen Folgen anerkennen. Und jenen, die diese Realität mit aller Kraft verdrängen.“(3)

Zu diesen Verdrängern gehören OB Nopper mit den Damen und Herren auf der Bürgermeisterbank. Von Klimaschutz reden, aber die Zerstörung organisieren, und den Protest dagegen kriminalisieren. Die TAZ bewertet dies so:

„In kollektiver Realitätsverweigerung formiert sich gerade eine gesellschaftliche Allianz der Arschlöcher, die die Klimabewegung vor neue Herausforderungen stellt“.

Dienstboten der Stuttgarter Großkonzerne

Oder muss man es so formulieren: Diese Politiker sind vor allem sich selbst belügende Marionetten. Als servile Dienstboten der Stuttgarter Großkonzerne und der Immobilienmafia können sie an Umwelt, Klima und die Lebensgrundlagen der Bevölkerung überhaupt erst denken, wenn industrielle Bedürfnisse gestillt sind. Und die sind bekanntlich maßlos. Von ihrem Wachstumswahn sind viele Politiker:innen infiziert: Hauptsache, Daimler und Porsche geht es gut, Autos werden verkauft, nach uns die Sintflut! So tragen sie weiter dazu bei, dass weltweit die Rohstoffe für Daimler, Porsche, Bosch & Co geplündert und sich die Klimakrise beschleunigen wird. Und in der Folge noch mehr Menschen zur Flucht gezwungen werden.

Die Letzte Generation kommentierte: “Kriminell sind nicht wir, die für das Klima eintreten. Kriminell ist die fehlende politische Führung in dieser Krise“(StZ 25.5.2023).

Stadträt:innen der FrAKTION und PULS blockierten aus Solidarität mit der Letzten Generation die B 14

Sein oder Nichtsein

Es ist kein Alarmismus, wenn die Stuttgarter Zeitung die Existenzfrage für die Menschheit stellt:

„Sturzfluten und Starkregen, Überschwemmungen und Erdrutsche, Eisbäche und Hitzerekorde: Das Wetter rund um den Globus gerät aus den Fugen und spielt komplett verrückt. Oder um es mit Blick auf die eher düstere Zukunft der Menschheit mit dem großen englischen Dichter William Shakespeare zu formulieren: „To be, or not to be, that is the question!“ – „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage!“(4)

Nicht nur die CDU spricht in diesem Gemeinderat viel von Klimaschutz, leugnet ihn aber in der Praxis durch Nichtstun. Die AfD bestreitet die Klimakatastrophe komplett, und CDU-Merz sieht jetzt schon Gemeinsamkeiten mit ihr. Sorgen wir dafür, dass die Riege um OB Nopper die letzte Generation der vom Wachstumswahn besessenen Politiker ist, die Stuttgart und die Erde in die Unbewohnbarkeit führen.

Die Stuttgarter Umweltaktivist:innen müssen diese Herausforderungen annehmen. Mit Aktionen im Herbst, die dem Ernst der Lage angemessen sind. SÖS wird sie dabei unterstützen. Und: Bereiten wir eine Kommunalwahl 2024 vor, die Klimaschützer:innen zu einer bestimmenden Kraft im Gemeinderat macht. Auf bessere Einsichten, denen auch Taten folgen, kann bei den meisten der jetzigen Gemeinderatsfraktionen wohl kaum mehr gewartet werden.

P.S. Empörung herrschte unter Urlaubern, als die Letzte Generation Flughäfen blockierte. Nun brennen die griechischen Inseln, Urlauber werden evakuiert ….


Hinweis zur Titelgrafik:
Die Temperaturen in Stuttgart über den Zeitraum von 50 Jahren in Grad Celsius, ermittelt anhand der Daten der Messstation Schnarrenberg. Schwarz: die Jahresdurchschnittstemperaturen. Orange: der Trend anhand des Temperaturmittels über zehn Jahre.


Quellen:

(1) Minh Schredle: Das wird brutal, 19.07.2023, https://www.kontextwochenzeitung.de/politik/642/das-wird-brutal-8978.html

(2) Thomas Faltin: Leben mit der Gluthitze, Stuttgarter Zeitung, 10.07.2023 – ! Bezahlschranke ! –https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.hitzewelle-in-deutschland-leben-mit-der-gluthitze.3b12e1b3-619c-49e3-a2e6-2f5d6d797c9f.html

(3) Jonas Wahmkow: Kli­ma­ak­ti­vis­t:in­ von Lkw angefahren: Selbstjustiz in Stralsund okay, TAZ, 20.7.23 Online,  https://taz.de/Klimaaktivistin-von-Lkw-angefahren/!5946680/

(4) Markus Brauer: Extremwetter durch Klimawandel. Warum das Wetter komplett verrückt spielt, 25.07.2023, https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.extremwetter-eisschollen-hagel-fluten-die-folgen-des-klimawandels.a59d04b9-7d50-43b0-8173-10a0dccb7cd9.html


Titelgrafik: Kontext Wochenzeitung
Bilder von oben nach unten: SÖS, SÖS, FrAKTION


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