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Mit Punk und Poesie auf Platz 1

3. Mai 2024

Die Pfarrerin i. R. und Romanautorin Guntrun Müller-Enßlin ist seit 2014 für SÖS Mitglied im Stuttgarter Gemeinderat. Sie ist kulturpolitische Sprecherin unserer FrAKTION. Die gebürtige Stuttgarterin lebt in Stuttgart-Vaihingen und kandidiert auf Platz 1 der SÖS-Liste zur Kommunalwahl am 9. Juni in Stuttgart.

SÖS: Guntrun, herzlichen Glückwunsch! Es gibt auch 2024/25 wieder ein für Alle spielbares Open Piano im Charlottenplatz, das von der Stadt gefördert wird. Der Gemeinderat stimmte deinem Haushaltantrag zu. Das hat bestimmt große Freude als Initiatorin des Projekts in dir ausgelöst …

Offenheit im Kulturamt und bei der SSB

Guntrun Müller-Enßlin: Ja, die breite Zustimmung im Gemeinderat hat mich schon sehr gefreut und auch ermutigt. Schon zuvor während der Pilotphase gab es unzählige begeisterte Reaktionen, fast täglich wurden mir Tonaufnahmen und Videos vom Open Piano in Aktion zugespielt. Die Offenheit im Kulturamt, aber auch von der SSB, die es ermöglicht hat, dass meine Idee so rasch umgesetzt werden konnte, war großartig. Und nicht zuletzt die Zusammenarbeit mit Menja Stevenson und der Jugendkunstschule, die aus dem Piano das Klavierwesen „La Queer“ schufen, hat unglaublich viel Spaß gemacht. Das Open Piano schenkt nicht nur vielen Menschen Freude, es wertet auch die Unterführung Charlottenplatz samt U-Bahnhof gewaltig auf. Nun brennen wir darauf, dass Open Piano 2.0 endlich starten kann und hoffen auf die baldige Freigabe der Fördermittel durch das Regierungspräsidium, die dafür nötig ist.

SÖS: Klavier, Klavier … schwarze und weiße Tasten spielten sie schon in deinem Zuhause eine Rolle?

Guntrun Müller-Enßlin: Ja, ich spiele Klavier seit meinem zehnten Lebensjahr, früher wollte ich mal Pianistin werden. Als ich dann studierte, hatte ich eine Zeitlang kaum mehr Gelegenheit zu spielen, schlicht und einfach, weil mir kein Instrument zur Verfügung stand – ein Klavier kann man halt nicht so gut transportieren wie Gitarre, Flöte oder Mundharmonika. Mittlerweile steht schon lange ein eigenes Klavier in meiner Wohnung, das ich nicht missen möchte. Das ist das Tolle am Open Piano, dass es alle, die spielen, aber gerade keinen Zugang zu einem Klavier haben, einlädt, sich im Vorübergehen ein paar Minuten oder länger hinzusetzen und in die Tasten zu greifen.

Open Piano bringt Kultur auf die Straße

SÖS: „Amen, Segen, Türen weit“ lautet ein Buchtitel von dir. Was hat dich bewogen, evangelische Theologie in Tübingen und Zürich zu studieren und als Gemeindepfarrerin zu wirken?

Guntrun Müller-Enßlin: Ins Theologiestudium haben mich als junges Mädchen meine vielen existentiellen Fragen geführt. Ich muss gestehen, dass ich relativ spät realisierte, dass zu dem Studium auch ein Beruf gehört, und mich zu Anfang meines Berufslebens manchmal gefühlt habe, als wäre ich auf einem fremden Planeten aufgeschlagen. Bibelstunde, Frauenkreis, Konfirmandenunterricht, Seniorennachmittag, das alles war Neuland für mich. Gegen das oft verstaubte und rückständige Erscheinungsbild der Kirche habe ich mich ebenso heftig gewehrt wie gegen Kompromisse an jener Grenze, an denen es auf existentielle Fragen nur ungenaue oder keine Antworten mehr gab und blinder Glaube verlangt wurde. Das war nie mein Ding. Ich habe mich während meines Berufslebens immer weitergebildet und bin heute sehr weit von der Schultheologie mitihren gängigen „Dogmen“ und Glaubenssätzen entfernt. In meinem Berufsalltag habe ich mich immer bemüht, nah bei den Menschen und ihren Bedürfnissen und in schwierigen Lebenslagen eine einfühlsame Begleiterin zu sein, der sie vertrauen konnten. Das war insbesondere bei den rund 500 Beerdigungen, die ich während meiner Berufskarriere absolviert habe, eine ebenso herausfordernde wie auch bereichernde Aufgabe.

Das dümmste Großprojekt seit dem Turmbau zu Babel

SÖS: Das Engagement gegen Stuttgart 21 und für den Erhalt des Stuttgarter Schlossgartens hat dich, wie du sagst, „in den Gemeinderat gespült.“ Schlug dir als Theologin im Widerstand gegen das Bahnprojekt von deinem (kirchlichen) Umfeld eher ein Sturm der Entrüstung entgegen oder wurdest du von einer Welle der Sympathie getragen?

Guntrun Müller-Enßlin: Eigentlich beides. Als in meinen Reden 2010 öffentlich Position gegen das dümmste Großbauprojekt seit dem Turmbau zu Babel bezogen hatte, war ich zutiefst erstaunt, dass das offenbar nicht alle Kirchenmitglieder so sahen wie ich und insbesondere die Kirchenleitung den mahnenden Zeigefinger erhob. Ich hätte als Pfarrerin für alle Menschen da zu sein und deshalb zu Stuttgart 21 zu schweigen, hieß es. Für mich hatte christlicher Glaube immer eine politische Komponente. Jesus hat sich in seinem Wirken nie auf die Seite der Machteliten, sondern stets an die Seite der Schwächeren gestellt und diesen eine Stimme gegeben. Wer schweigt, steht immer auf der Seite der Macht. Stuttgart 21 ist schädlich, unökologisch, lebensfeindlich, es nützt nicht den Menschen, sondern dem Wirtschaftslobbyismus und seinen unersättlichen Kapitalinteressen. Viele sahen das so wie ich und waren dankbar für mein Engagement gerade auch als Theologin und Pfarrerin. Insofern hat mich tatsächlich auch eine Welle der Sympathie, für die ich heute noch dankbar bin, durch diese für mich beruflich schwierige Zeit hindurchgetragen.

SÖS: Gleich drei Aktivist*innen von Fridays for Future kandidieren auf den ersten sieben Plätzen der SÖS-Liste zur Kommunalwahl. Wo stand deine „politische Wiege“?

Guntrun Müller-Enßlin: Das ist schwierig zu sagen. Unpolitisch war ich, glaube ich, nie. Warum ist Geld auf der Erde so ungleich verteilt, warum ersticken die einen im Reichtum, während die anderen sich versklaven müssen, um zu überleben? Das fragte ich mich schon als Zehnjährige und konnte wahlweise Tränen vergießen oder in Zorn verfallen, wenn ich mitbekam, dass Kinder, die jünger waren als ich, auf der anderen Seite der Erde in Ziegeleien, Kohleminen oder Textilfabriken arbeiten mussten. Dass ökonomische Machtinteressen und Raubbau an der Natur miteinander zusammenhängen, habe ich ebenfalls früh kapiert. Während des Studiums habe ich mich gegen das Waldsterben eingesetzt. Als es um Stuttgart 21 ging, war vor allem die Abholzung des Schlossgartens DER Motor für meine Positionierung. Ein Projekt, für das so viel Schönes, Lebenserhaltendes und gut Funktionierendes geopfert werden muss, das KANN nicht gut sein. Das war meine Überzeugung.

Auch im Gemeinderat Lebensthemen neu denken

Premiere von Loriots dramatischen Werken in der Komödie im Marquardt.
Kultur ist der Kitt unserer Stadt.

SÖS: Du kandidierst bei SÖS …?

Guntrun Müller-Enßlin: Für mich war immer klar, dass ich in keine der herkömmlichen Parteien eintreten würde. Bei Stuttgart Ökologisch Sozial fand ich den undogmatischen systemkritischen Raum, die Offenheit, die Freiheit des Denkens, die mir das parteifreie Bündnis zur politischen Heimat werden ließ. In Zeiten, in denen sich mit der globalen Klimakrise die Existenzfrage für künftige Generationen und der Menschheit an sich stellt, braucht es im Gemeinderat ein Bündnis wie SÖS, das den Mut hat, bestehende politische Strukturen in Frage zu stellen und Lebensthemen – auch auf kommunaler Ebene – neu zu denken und zu bearbeiten. Mit meiner Kandidatur für SÖS gilt mein Engagement einer ökologisch nachhaltigen Zukunft in Stuttgart mit kostenfreiem ÖPNV, bezahlbarem Wohnraum, auskömmlicher Finanzierung von Kulturinstitutionen und konsequentem Einstehen gegen Rechts.

SÖS: „Für Kultur von Punk bis Poesie“ lautet dein Motto im Wahlkampf …?

Guntrun Müller-Enßlin: Wenn es an Stuttgart etwas Positives hervorzuheben gibt, dann ist es die Vielfalt seiner Kulturszene. Das ist mir relativ bald klar geworden, nachdem ich Stadträtin geworden bin. Es gibt in Stuttgart einen unglaublichen Reichtum an Institutionen, ob Theater, Musik, Bildende Kunst oder Literatur. Als kulturpolitische Sprecherin meiner Fraktion im Gemeinderat lerne ich diese vielseitige Kulturlandschaft immer besser kennen als ein Gut, dass in diesen Zeiten politischer und ökologischer Krisen nicht verspielt werden darf. Kultur ist mehr als Zeitvertreib und Unterhaltung, sie ist als ein politisches Korrektiv der

Kitt, der eine Gesellschaft zusammenhält, und wird in der gegenwärtigen Situation, in der in ganz Europa rechtsradikales Gedankengut in besorgniserregender Weise um sich greift, immer noch wichtiger. Es muss alles getan werden, um die Infrastruktur des kulturellen Lebens in Stuttgart in seiner Bandbreite und Vielseitigkeit auf Dauer zu erhalten. Dazu braucht es die entsprechenden Fördermittel auf lange Sicht. Mein Einsatz gilt hier vor allem der auskömmlichen Finanzierung der kleineren Bühnen, der freien Tanz- und Theaterszene und der zahlreichen Etablissements für bildende Kunst und Musik in Stuttgart. Auch die Schaffung von Räumlichkeiten zum Proben und Spielen, an denen es in Stuttgart mangelt, ist mir ein wichtiges Anliegen.

„Was uns bleibt, ist jetzt“

SÖS: Du schreibst aus Leidenschaft und hat mehrere Romane und Erzählungen veröffentlicht z. B. „Wenn der Mond erzählen könnte …“ Kannst du uns erzählen, ob und wann du uns ein neues Werk vorstellen kannst?

Guntrun Müller-Enßlin: Bereits 2021 ist bei Limes/Blanvalet mein Roman „Was uns bleibt, ist jetzt“ erschienen, eine Geschichte um vier erwachsene Geschwister, die sich um ihre demente Mutter kümmern müssen. Ebenfalls im Limes Verlag erscheint Mitte Juni mein neues Buch „Am Tag, bevor der Frühling kam“. Beide Romane sind unter meinem Pseudonym „Ella Cornelsen“ veröffentlicht.

SÖS: Liebe Guntrun, herzlichen Dank.

Das Interview für SÖS führte Paul Russmann. Bilder: Guntrun Müller-Enßlin privat


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