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1984: Vor 40 Jahren, Streik für die 35-Stundenwoche – Interview mit einem Zeitzeugen

6. Mai 2024

Der Kampf für die 35-Stundenwoche feiert 40 jähriges Jubiläum. Im Jahr 1984 führten die IG Druck und Papier und die IG Metall einen erfolgreichen 13-wöchigen Arbeitskampf mit 6 Wochen Streik. Im DGB-Haus ist am 3. Juni eine Veranstaltung, auf der Zeitzeugen berichten. Peter Hensinger, der für SÖS zum Gemeinderat kandidiert, war Mitglied im Ortsvorstand der IG Druck und Papier in Stuttgart. Er arbeitete damals als Rollenoffsetdrucker und war Betriebsrat in der Druckerei Fink in Kemnat.

Peter Hensinger

SÖS: Peter, Du sagtest, diese 13 Wochen Arbeitskampf waren ein Höhepunkt in Deinem Leben. Warum, das interessiert mich natürlich. Aber zuerst, wie kam es zu diesem langen, erbittert geführten Arbeitskampf?

Peter Hensinger: In den 80-er-Jahren gab es eine neue Stufe der Rationalisierung. Und das machte Angst vor Massenarbeitslosigkeit. Roboter hielten Einzug, Schriftsetzer wurden überflüssig, Bleisatz durch Computersatz ersetzt, erste elektronische Steuerungen von Druckmaschinen, die Geschwindigkeit der Druckmaschinen wurde immer schneller, und damit auch der Arbeitsdruck. Aber auch der Wettbewerb unter den Druckereien nahm zu. So wurden große Stuttgarter Betriebe wie die DVA oder Belser-Tiefdruck geschlossen. In meinem Betrieb, Fink in Kemnat, wurde versucht, mit 12-Stundenschichten, 3-Schicht-Arbeit, Überstunden und Wochenendarbeit die Auslastung zu erhöhen und Personal zu sparen. Nur ein Drittel der Schichtarbeiter kam noch gesund in Rente, ein Drittel wird vorher krank, ein Drittel stirbt vorher, warum, das erlebten wir. Die Ausbeutung ging auf die Knochen. 

SÖS: Wie und warum kam es zu einer so großen Streikbereitschaft für die 35-Stundenwoche bei vollem Lohnausgleich? 

Peter Hensinger: Die Gewerkschaft argumentierte über mehrere Jahre, Arbeitszeitverkürzung schafft Arbeitsplätze, weniger Stunden sind gut für die Gesundheit, z.B. nur noch 4 Tage Nachtschicht. Auf jeder Betriebsversammlung wurde das diskutiert. So war allmählich jeder Kollegin und jedem Kollegen klar, dass das stimmt. Sie erlebten die gestiegenen Anforderungen und die steigende Ausbeutung. Als ich im Rollenoffset 1981 anfing, lief eine Maschine 20 000 Umdrehungen/Stunde, 1990 schon 64 000. Eine beispiellose Medienkampagne gegen die 35-Stundenwoche wurde geführt. CDU und FDP fabulierten vom Untergang der deutschen Wirtschaft, die Konkurrenzfähigkeit gehe flöten, auch eine Faulenzerdebatte wurde v.a. von der Bildzeitung angezettelt. Aber das steigerte nur den Kampfeswillen. 

SÖS: Nun kam es zum Streik. Am 14. Mai 1984 begann der Arbeitskampf. Wie lief der ab?

Peter Hensinger: Der Stuttgarter Ortsverein der IG Druck und Papier, aber vor allem die Vertrauensleute, für die ich damals zuständig war, hatten viele Besprechungen für eine detaillierte Taktik, wie argumentieren und mobilisieren wir, wie organisiert man Streikposten. In der Urabstimmung stimmte eine überwältigende Mehrheit von 83 % für Streik. In meinem Betrieb übte die Geschäftsleitung im Vorfeld schon massiven Druck aus, mit tagtäglichen Schikanen gegen vermutete „Rädelsführer“.  Sie wollten die Belegschaft spalten. Möglichen Streikbrechern wurde Geld angeboten. Es half nichts. Morgens um 5 Uhr begann die Nachtschicht den Streik, Streikposten sollten verhindern, dass die Frühschicht weiterarbeitet, aber die schloss sich dem Streik an. 

SÖS: In den Druckereien arbeiteten ja viele ausländische Kollegen …

Peter Hensinger: … ja, zwei Drittel bei uns waren türkische Kollegen, die waren voll dabei. Ausländerfeindlichkeit war kein Problem. Im Gegenteil, noch ein Jahr vorher hatten wir vor allem mit den kurdischen Kollegen dafür gesorgt, dass Graue Wölfe, die betriebsintern Druck ausübten, gekündigt wurden. Die türkischen und kurdischen Kollegen standen im Streik dann vornedran. 

SÖS: Wie habt ihr so lange durchgehalten?

Peter Hensinger: In dem wir uns alle jeden Tag trafen. Jeden Morgen um 8:00 Uhr  musste man in die ABV-Vereinsgaststätte am Fernsehturm kommen, sich als Streikender registrieren, nur dann bekam man Streikgeld. Aber noch viel wichtiger: Dann war Einteilung zum Streikposten Stehen und gemeinsame Beratungen, wie wir weitermachen. Es war vollkommen demokratisch, jeder konnte sich zu Wort melden. Und dann gab es sogar ein Fußballturnier mit Betriebsmannschaften, Kegeln, Binokel und Skat wurden gespielt. 

SÖS: Es hat also Spaß gemacht?

Peter Hensinger: Die Solidarität, die ich da erlebte, das war ein Höhepunkt in meinem Leben.Das Streikgeld war niedriger als der Lohn, trotzdem bröckelte die Front nicht. Aber insgesamt kann man nicht von Spaß reden. Da war die tägliche Hetze in den Medien gegen uns, sowohl in den Stuttgarter Zeitungen wie auch in allen Fernsehprogrammen. Sie lief allerdings ins Leere. Auch die Einschüchterungen wirkten nicht. So fuhren im Druckzentrum der Stuttgarter Zeitungen Auslieferungsfahrzeuge in die Streikposten und verletzten den Ortsvorsitzenden Horst Bekel schwer, zum Glück überlebte er. Das steigerte nur die Wut. Unsere Geschäftsleitung versuchte mit Drohungen: „Jetzt wissen wir, wer für die Firma da ist, wer nicht“ – die Streikposten zu demoralisieren, auch mit Geldangeboten. Ein Kollege nahm mehrere tausend Mark, arbeitet 2 Tage als Streikbrecher und verschwand dann mit dem Geld nach Südafrika, in eine Druckerei in Durban. 

Polizeieinsatz gegen Streikposten vor dem Druckhaus in Plieningen
(Stuttgarter Zeitung und Nachrichten)

SÖS: Wie viele Wochen habt ihr gestreikt? 

Peter Hensinger: Zunächst waren es 2 Wochen, dann wurde während der Verhandlungen wieder gearbeitet. Die Geschäftsleitung übte dann innerbetrieblich Druck aus, mit Anschreien, Antreiben und vielen fiesen Methoden. Jeder sonst normale Maschinenstillstand wurde zum Drama hochstilisiert, neue Geschwindigkeitsvorgaben gemacht, Abmahnungen konstruiert, trotzdem folgten wir dem zweiten Streikaufruf. Bei der zweiten Streikwelle kam nun was Außergewöhnliches. Nach zwei weiteren Wochen Streik beschloss die Gewerkschaft eine nochmalige Unterbrechung des Streiks. Wir Stuttgarter Vertrauensleute hatten inzwischen eine eigene Streikleitung gebildet. Dem Landesvorsitzenden wollten wir klarmachen, dass wir es dann bei dem Psychoterror im Betrieb nicht mehr ein drittes Mal schaffen werden, nochmals die Maschinen anzuhalten und zu streiken. Die flexible Streiktaktik geht nicht mehr. Und den Abschluss der IG-Metall, nach dem Schlichter Leber“käs“ genannt, lehnten wir ab. Wir wollten mehr. Unser Standpunkt: Wir streiken durch bis zum Ergebnis 35-Stundenwoche. Der Landesvorstand stimmte uns nicht zu. Also machten wir im ABV eine Versammlung, diskutierten und stimmten ab. Klares Votum: wir streiken weiter. Die Gewerkschaft stimmte uns dann widerwillig zu. Der damalige Hauptverantwortliche aus dem Bundesvorstand, Detlev Hensche, freute sich insgeheim sogar über uns. Dann ging es noch 2 Wochen bis zum Tarifabschluss weiter. 

SÖS: Aber es kam ja ein Kompromiss heraus!

Peter Hensinger: Ja, aber kein fauler. Das Tabu 40-Stundenwoche war mit dem Stufenplan gebrochen. Den schrittweisen Einstieg in die 35-Stundenwoche akzeptierten wir. Z.B. gab es bald nur noch 4 Tage Nachtschicht in unserem Betrieb, ein langes Wochenende zum Erholen. Bitter waren dann die Racheakte der Geschäftsleitung nach dem Streik. So wurden z.B. wir Streikführer nur noch an die alten Maschinen eingeteilt, wo Knochenarbeit angesagt war. Pausen wurden minutengenau abgestoppt. Mehr als zwei Wochen stand ein Chef oft stundenlang in unserer Bedienkabine und beobachtete uns schweigend beim Arbeiten, sogar beim Vespern. Man konnte nicht mehr von Kollege zu Kollege reden. 

SÖS: Der Streik war also erfolgreich?

Peter Hensinger: Ja tatsächlich. Man muss das historisch sehen. Wir hatten in der IG Druck und Papier eine Gewerkschaftsführung, die nicht in der Wettbewerbslogik dachte. Der Zeitgeist war optimistisch: Wir wehren nicht nur Verschlechterungen ab, sondern wollen tatsächliche Verbesserungen. Die Stimmung war links, viele Kolleginnen und Kollegen waren SPD orientiert bis hin zu sozialistisch. CDU und FDP waren wegen ihrer Hetze gegen den Streik verhasst. Und natürlich kam dazu, dass wir damals in den Druckereien gute Löhne und Rahmentarifverträge hatten, die in Arbeitskämpfen erstreikt worden waren. Es gab also ein Selbst- und Klassenbewusstsein. Unter Beifall hatte ich damals auf einer Streikversammlung ein paar Zeilen aus einem Rocksong, den ich komponiert hatte, vorgetragen, der die Stimmung traf:

Ohne uns keine Zeitung am Stand

Geht beim Daimler kein Auto vom Band

Bleibt die Kohle in der Erde liegen

Keine Funken im Stahlwerk fliegen 

Uns – gehört diese Welt

Wir sind nicht Knechte reicher Herrn

Unsre Kraft den Reichtum schafft

Den der Bonze an sich rafft. 

Ohne euch gehört uns die Fabrik

Kein  Bonze sitzt uns im Genick

Die Stoppuhr kommandiert kein Band

Wir planen selbst – mit klarem Verstand

SÖS: Der rote Großvater erzählt?

Peter Hensinger: Ja, die Zeiten ändern sich. Wir hatten damals gute Löhne, nur die drohende Arbeitslosigkeit machte wirklich Sorgen. Uns bedrohte noch keine Klimakatastrophe, in Europa gab es keinen Krieg, über Rüstungsbeschränkung wurde verhandelt, mit der DRUPA-Jugend waren wir bei der Demo gegen Pershing 2-Raketen in Bonn, mit dem Ortsverein fuhren wir zu einem Protestwochenende nach Wackersdorf. Im Streiklokal ABV sammelten wir für die gegen Thatcher streikenden englischen Bergarbeiter, eine Delegation brachte das Geld nach England. Und weltweit befreiten sich seit Vietnam Kolonien, Befreiungsbewegungen entstanden. Bessere Zeiten einleiten, dazu sollte auch unser Kampf beitragen, das war der antikapitalistische Zeitgeist. Ich glaube, angesichts der aktuellen Veränderungen in der Autoindustrie, dem Vormarsch der künstlichen Intelligenz und der Notwendigkeit, sich vom Wachstumswahn zu verabschieden, brauchen wir die 30-Stundenwoche, und wieder einen Zeitgeist wie 1984. Angesichts der Bedrohung unserer Lebensgrundlagen, verursacht durch den Kapitalismus und seinen Wachstumswahn, durch das Artensterben und die Klimakatastrophe bringt es eine Losung der Fridays for Future auf den Punkt: „System change – not climate change“.  Wenn heute die Lokführer streiken, die Kolleginnen und Kollegen bei Verdi, dann bin ich mir sicher, dieses Bewusstsein für eine bessere Welt lebt. 

SÖS: Lieber Peter, danke für diesen lehrreichen Rückblick. 

Das Interview führte Gerhard Wick von der SÖS Newsletter Redaktion.
Bilder: Privat, IG Druck und Papier, Hans Meister / Kontext Wochenzeitung 

Ein Bericht zum Kampf um die 35-Stundenwoche in Kontext:

https://www.kontextwochenzeitung.de/schaubuehne/683/blockaden-aussperrung-aufruhr-9505.html

Veranstaltung

Kampf für die 35-Stundenwoche feiert 40 jähriges Jubiläum

Zeitzeugen berichten über ihre Erfahrungen und was wir daraus lernen können

Montag, 3. Juni um 17.30 Uhr im DGB-Haus, Willi-Bleicher-Straße 20, Bambussaal

Die Zeitzeugen:

Siggi Deuschle: Daimler Sindelfingen

Tom Adler: Daimler Untertürkheim

Gert Aldinger: Porsche Zuffenhausen

Roland Saur: Bosch Feuerbach

Harald Kalmbach: SEL (Antrag für den Gewerkschaftstag für die 35-

Stundenwoche im Vertrauenskörper eingebracht mit erfolgter Verabschiedung)

Heinz Hummler: Trafo Union (dort wurde zeitgleich der Kampf für Erhalt des Cannstatter Werkes

geführt)

Peter Hensinger: Mitglied in der Streikleitung der IG Druck und Papier

Kultur: Lieder aus dem Kampf um die 35-Stundenwoche mit den Marbachern + Kurzfilm


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